Vom Engagement des
Polit-Profis                                     
Georg M. Sieber             

An­geb­lich ge­hört es zum po­li­ti­schen All­tag, un­an­greif­ba­re Sät­ze auf­zu­sa­gen und sich auch sonst nie­mals fest­zu­le­gen oder fest­le­gen zu las­sen. Gern wür­de man dem Er­fin­der sol­cher Weis­heit gra­tu­lie­ren: solch lang­le­bi­ger Un­sinn ist eine Ra­ri­tät. Des­we­gen wird der­lei an­hal­tend ze­le­briert, ge­nuss­voll prak­ti­ziert. Po­li­ti­sche Fuß­gän­ger be­stä­ti­gen ein­an­der gern und aus­dau­ernd:
So wie Du Stel­lung be­ziehst kann Dir kei­ner ir­gend­was übel neh­men. Du lässt ja wirk­lich all die Fett­näpf­chen ein­fach ste­hen. Du bist po­li­tisch to­tal kor­rekt, hast die Leu­te dort ab­ge­holt, wo sie stan­den. Du hast den Ball
flach ge­hal­ten, hast in kei­ner Wei­se po­la­ri­siert. Gut.



Wer so auf­fäl­lig nach glatt ge­schmir­gel­ten Sät­zen strebt, der hat als nur be­dingt ge­fähr­lich zu gel­ten.  Man er­kennt sei­ne men­ta­le Schwä­che schon an der der schie­ren Men­ge so­ge­nann­ter „rhe­to­ri­scher Fra­gen“. Je­de ein­zel­ne ge­nau kom­pro­mit­tie­rend. Man wird ja doch mal fra­gen dür­fen? Wenn er dann vor­führt, was er gern „Nach­boh­ren“ nennt, schin­det er be­vor­zugt die am Bo­den lie­gen­den Op­fer des main streams. Er will gar nicht wis­sen, was die Un­glück­li­chen zu Bo­den ge­wor­fen hat - und ob sie sich je­mals wie­der er­he­ben kön­nen. Er sagt zwar nach­boh­ren, prak­ti­ziert dann aber nach­tre­ten. Es ge­nügt ihm, wenn er sel­ber im Tro­cke­nen steht. So kennt man ihn, wie er sei­nen Spon­so­ren nach dem Mund re­det, wie er ge­fäl­lig ver­all­ge­mei­nert, Platt­hei­ten ser­viert, schie­fe Ver­glei­che aus­malt, in ei­ner Wol­ke von Me­ta­phern ge­ra­de­zu ba­det.

Längst ha­ben sich sei­ne Adres­sa­ten frak­tio­niert: hier Hilfs- und dort Hass­ge­mein­schaf­ten, hier Gut­men­schen und dort Spöt­ter, Ras­se­be­wuss­te und Mul­ti­kul­tis, Ge­bil­de­te und Ba­nau­sen. Er, unser Rhe­tor, schert sie über sei­nen Kamm – al­le­samt. Er nutzt ei­nen Vor­rat an Ge­mein­plät­zen, die er laut­stark in­sze­niert und aus­po­saunt. Denn sei­ne Rhe­to­rik passt im­mer. „Vor­abend einer Sturm­flut“ ist das Mus­ter für sei­ne State­ments und Ant­wor­ten. Die spricht er staats­män­nisch tremolo e crescendo: Hier hilft kei­ne Me­te­reo­lo­gie. Ka­ta­stro­phen-Cha­os be­droht je­den zwei­ten von uns. Wir for­dern end­lich struk­tu­rier­te, prä­zi­se Maß­nah­men. Ge­gen das Cha­os hilft Ord­nung und Sta­bi­li­tät – ge­zielt, zeit­nah, zü­gig. Was wir wol­len das sind zu­ver­läs­si­ge Re­geln und  trans­pa­ren­te Ver­fah­ren.


­Das pas­st in wirk­lich je­des Mi­kro­fon. Ob Mas­senka­ram­bo­la­ge, Epi­de­mie oder Wald­brand, der Polit-Proll nimmt na­he­zu gleich­lau­tend „Stel­lung“.

Bei­spiel Ju­gend­kri­mi­na­li­tät: (Un­ser Rhe­tor spitzt schon den Grif­fel.) Wer könn­te da be­trof­fen sein?  Die Po­li­zei­ge­werk­schaft? Leh­rer? So­zi­al­ar­bei­ter? El­tern? Wer bringt wie­viel auf die Waa­ge? Von Po­li­zei, Leh­rern und So­zi­al­ar­bei­tern ist nicht viel zu er­war­ten. Aber El­tern – das ist ei­ne macht­vol­le Grup­pe! Ab so­fort und für heu­te: die Ziel­grup­pe! Für sie mixt der Rhe­tor ein State­ment in der Art sei­nes platt­ge­dien­ten All­zweck­mus­ters: Über Ju­gend­kri­mi­na­li­tät re­det un­se­re heu­ti­ge Pä­da­go­gik schon viel zu lan­ge. Wir soll­ten bes­ser ganz of­fen über Ag­gres­si­vi­tät re­den, über die­se kaum mehr er­träg­li­che Ju­gend­ag­gres­si­vi­tät. Ge­gen die­se Zu­mu­tung for­dern wir jetzt ein wei­te­res Mal zeit­na­he, struk­tu­rier­te, prä­zi­se Maß­nah­men. Wir re­agie­ren auf die­se ju­gend­li­chen Chao­ten zü­gig mit be­währ­ter Ord­nung und Sta­bi­li­tät. Denn Ju­gend braucht zu­ver­läs­sige Re­geln und trans­pa­ren­te Ver­fah­ren.

So kann man je­des The­ma durch­de­kli­nie­ren – geht doch. An­ders als in viel frü­he­ren Zei­ten gibt es kei­nen Wi­der­spruch gegen Schwach- und Schön­red­ner. Sie ge­dei­hen in der Öd­nis der Talk­run­den. An­geb­lich las­sen sich ja „die Men­schen draus­sen“, mit ab­ge­kau­ten Ver­satz­stü­cken und Wort­hül­sen gern be­die­nen. Das ent­las­tet den  Lohn­schrei­ber, der sich oh­ne­hin mehr der Stra­te­gie wid­men soll­te. Un­ser Rhe­tor hält es für Stra­te­gie, wenn er stets über­legt, wel­che Zu­hö­rer ihm Vor­tei­le zu bie­ten hät­ten. Das sind für ihn die In­ter­es­san­ten. Da­nach geht er auf die­je­ni­gen zu, die ak­tu­ell ir­gend­et­was zu ver­lie­ren fürch­ten. Er „be­dient“ sie, be­fä­chelt sie mit Trost zu und lobt ih­re ver­schro­be­nen Pa­ro­len. So sorgt er für gute Stim­mung. Erst dann lohnt es sich für ihn nach­zu­rech­nen, wie und bei wem wohl am meis­ten zu ho­len ist. Se­ri­el­le State­ments und se­ri­el­le Re­den sind die In­stru­men­te des ne­ben­be­ruf­li­chen Po­li­tik­ma­chers. Da­mit kann er hoch­ef­fi­zi­ent zu je­der Nach­richt, zu je­dem Er­eig­nis an die Ram­pe tre­ten. Da­mit ge­lin­gen ihm ein­drucks­vol­le Men­gen ak­tu­el­ler Pres­se­mit­tei­lun­gen. Er kann es gu­ten Mu­tes mit dem All­tag auf­neh­men. An­sons­ten bleibt er in De­ckung. Denn nie­mand wird ihn ver­mis­sen, wenn wirk­lich Not am Mann ist.


Unser Autor

Georg M. Sie­ber, Jahr­­gang 1935, ist Di­­plompsy­­cho­­­lo­­ge in Mün­­chen. 1964 grün­­de­t­e er sein In­s­ti­­tut für An­­­ge­­­wand­­te Psy­­cho­­­lo­­gie, die In­­te­l­li­­genz Sys­­tem Tran­s­­­fer GmbH (11 Nie­­der­­las­s­un­gen). Sein per­­­sön­­­li­ch­es In­­te­r­­es­­sen­­­ge­­biet sind Schrif­­­ten his­­­to­r­i­sch­er Vor­­­läu­f­er der heu­­t­i­­gen Psy­­­cho­­­lo­­­gie, de Fe­­de­r­i­co II., Ma­chia­vel­li, Pa­llad­io, Í­ni­go Ló­pez de Lo­­yo­­la u.a.

Für den fach­­li­ch­en Aus­­tausch steht er ger­ne zur Ver­­fü­g­ung: 089 / 16 88 011 oder per e­Mail:
Georg.Sieber@IST-Muenchen.de



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