Sprachprägende Viren gehören zum Erbe

Corona hat in unsere Köpfe Wörter und Sprachbilder gepflanzt, die unser Denken und Schlussfolgern noch lange begleiten werden. Sie werden in Argumentationsketten und Schriftsätzen auftauchen. Sprache galt schon zu Zeiten Lessings als unstreitig höchstes Schutz- gut der Rechtsgelehrten. 


Zu den Merkwürdigkeiten der Viren-Pandemie gehören auch Sprachereignisse auf nicht-medizinischen Nebenschauplätzen. Was z.B. hätten die Viren mit dem Bus- und Bahngeschäft zu tun? Bitte sehr: Viele Bus- und Bahnlieferanten wollen vorerst nur noch „auf Sicht“ entwickeln und planen und sich nicht anmerken lassen, wie sehr sie gerade jetzt die bequemen Ausschreibungen z.B. der Verkehrsbetriebe, vermissen. Diese wiederum vermissen offenbar viele der arbeitenden, konsumierenden oder einkaufenden Wochen- und Monatskartenkunden einschließlich der Schüler und Studierenden, am Ende sogar auch der Schwarzfahrer. Heute schon spricht man mancherorts allgemein vom Fahrgast-„Rückgang“ (wohl dank der selektiven Wahrnehmung von Fahrzielen und –zeiten angeblich bis zu 90% ).

Natürlich sind nicht etwa die Fahrgäste zurückgegangen – wohin auch sollten sie gehen außer nach Hause. Gemeint ist die „abnehmende Anzahl der Beförderungsfälle“. Weil so etwas in Corona-Zeiten wiederkehrend zu beobachten ist, bietet sich zwar der „Fahrgastrückgang“ als Kurzform an. Das klingt auch irgendwie sachlicher als das alarmistische rück-„läufig“ oder das nur diätetisch zu verstehende „abnehmend“. Der „Rück-gang“ wird uns gewiss bleiben, obwohl dies weder bei Fahrgästen, noch bei den Preisen noch anderweitig zu beobachten sein wird. 










Den Berliner Verkehrsbetrieben (BVB) indessen „brechen im Nahverkehr der Hauptstadt große Teile der Einnahmen weg“ und zwar „angesichts leerer Busse und Bahnen“, so ein hoher Verbandsfunktionär. Das will den Eindruck erwecken, zuvor mühsam erarbeitete und wohl auch sorgfältig bewachte BVB-Einnahmen seien von frechen Räubern weggebrochen oder oder gar – gesprengt worden, derweil die wackeren Betreiber durch den Anblick leerer Busse und Bahnen abgelenkt wurden. Man sieht sogleich jene Berliner Bösewichte vor Augen, die seinerzeit einen provozierend ausgestellten zentnerschweren Goldklumpen ab- und wegbrachen (Einer der Täter wurde zwar gefasst – das Gold aber blieb verschwunden).   

Was da wegen Corona alles ein- oder weggebrochen sein soll, ist jedoch nur unterstellt – ein womöglich bewusster Schwindel. Klar, das Wort brechen weist unüberhörbar auf ein eher gewaltsames Vorgehen hin. Da wird ein Behältnis, eine Einfriedung oder Grenze durchbrochen. So wird fremdes Eigentum zugänglich. Man kann nur wegbrechen, was bereits da war. Ab- oder wegbrechen kann nur, was dort zuvor natürlich und erfolgreich wachsen konnte und/oder dem Kassier- oder Sammeltrieb des aktuellen Eigentümers zu danken ist. Wegbrechen kann also nur eine zuvor vereinnahmte Habe. Wer jetzt drauflos klagt, dass ihm künftige oder erhoffte Einnahmen wegbrächen, weist auf seinen Kalkulationsfehler oder auch auf einen bestehenden Anspruch hin. Man lernt: Einnahmen können nur wegbrechen, soweit sie wirklich bereits eingenommen worden wären. 

Dicht auf dicht folgende Ab- und Einbrüche standen übrigens auch schon zu Vor-Corona-Zeiten als Börsenlatein unter Alarmismus-Verdacht. Psychologen wie Paul Kahnemann halten zumindest anfangs Alarmwörter wie „dringenst“, „verzweifelt“, „entnervt“ oder „Absturz“ den typischen Frontsignalen börsenbasierter Wirtschaftsberichte zugute. Heutige Leser, Hörer und Zuschauer heutiger Corona-News werden sich aber später vielleicht nach dem Corona-Alarmismus der Wirtschaftsredaktionen zurücksehnen.    Sieger im Wettbewerb um die folgenreichste Phrasenfigur wurden übrigens Autoren, die sich gemeinsam über das vermeintlich deutsche Wort „Krise“ gebeugt zu haben scheinen. Corona-Krise. Schon heute kann man vertreten, dass Corona diesem eigentlich griechischen Findling zu einem dauerhaft prominenten Platz im deutschen Sprachschatz verholfen hat.

Die Krise hatte mit den Jahren ihren Platz in Schlagzeilen und Aufmachern zuletzt vor allem in der Begleitung der EURO-Einführung (2002) und der globalen BANKEN-Rettung (2008) gefunden. Beide Ereignisse bewährten sich als wirkstarkes Vorbild der Corona-Berichtserstattung und werden. Corona und Krise sind inzwischen eine dauerhafte Verbindung eingegangen. Die Maskenkrise, die Handschuhkrise, die Kapazitätskrise – die kleine Auswahl der Corona-Begleitkrisen beweist hinreichend unsere liebenswürdige Bevorzugung der Krise als Endsilbe. Sie wird das Leitwort auch weiterer herausragender Ereignisse werden, obschon sich der Wortinhalt bereits weitgehend aufgelöst hat. Wie in anderen ungezählten Fällen wird daher die Frage nach Sinn und Nutzen des Wortes heute kaum mehr gestellt.  









Sinnfreie Verwendungen des Wortes Krise haben seit Mitte des 20. Jahrhundert so stark zugenommen, dass man anhand aktueller Texte die ursprüngliche Wortbedeutung auch nicht mehr annähernd erschließen kann. Tatsächlich erhielt der Begriff „krisis“ in der frühgriechischen Mathematik beim Berechnen von Kreisen und Kurven die Aufgabe, an der Bestimmung des Scheitel- oder Wendepunktes mitzuwirken. Beide Wörter könnte man heute als Übersetzung lexikalisch aufnehmen. Geschichtsschreiber wie Thukydides verwendeten schließlich das Wort bereits ca. 400 Jahre v. Ch. als Metapher, um eine Wende im Ablauf eines Ereignisses, eine Änderung der Marschrichtung oder durchaus auch einen Paradigmenwechsel anzuzeigen.   

Eine plausible Erklärung für den extensiven Gebrauch des Wortes Krise im Rahmen der Corona-Berichte wurde m.W. bisher nicht vorgetragen. Es gibt einen lediglich schwachen Zusammenhang zwischen der aktuellen Pandemie und dem Geschichtsschreiber Thukydides: Er verfasste eine detailreiche Beschreibung der 430 – 26 v. Chr. in Athen grassierenden Attischen Seuche/Pest. Sie war eine der ersten dieser Art. In Bewunderung für den vormaligen Zeitzeugen Thukidides werden wir unseren Vortrag über Abläufe und Gemütszustände der gewissermaßen Seuchenteilnehmer noch einmal prüfen. Bevor wir ihn interessierten Lesern zumuten werden wir uns versichern, dass wir uns jeden philosophischen oder juristischen terminus nur lexikalisch zu eigen gemacht haben.

Corona sollte man an Fieber, Husten und Schwäche erkennen und keineswegs an den Lieblingswörtern der Epidemischen Kampagne. 



 




Unser Autor

Ge­org M. Sie­­­ber, Jahr­­­­­gang 1935, ist Di­­­­­plom­­­psy­­­­cho­­­­­­lo­­­ge in Mün­­­­­chen. 1964 grün­­­­­de­­t­e er sein In­­­s­­ti­­­­­tut für An­­­­­­ge­­­­­­wand­­­­­te Psy­­­­cho­­­­­­lo­­­­gie, die In­­­­­te­l­­l­i­­­­­genz Sys­­­­tem Tran­s­­­­­­fer GmbH (11 Nie­­­der­­­­­las­s­­­un­­g­­en). Sein per­­­­­­sön­­­­­­li­ch­­es In­­­­­te­r­­­­­es­­­sen­­­­­­ge­­­­­biet sind Schrif­­­­t­­en his­­­­­­to­­­r­­i­sch­­­­er Vor­­­­­­läu­­f­­­er der heu­­­­t­­i­­­gen Psy­­­­­cho­­­­­­lo­­­­­gie, de Fe­­­­de­­r­­­i­­co II., Ma­­­chi­a­­­­vel­­li, Pa­­­l­la­­d­i­o, Í­­ni­­go Ló­­pez de Lo­­­yo­­­la u.a.

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